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Der Rothschönberger Stolln

 
Seit dem 12. Jahrhundert wird im Freiberger Revier Bergbau betrieben. Konnte das Silbererz zu Beginn an der Oberfläche oder in geringen Tiefen abgebaut werden, so mußte im Laufe der Zeit immer tiefer in den Berg vorgedrungen werden. Dabei traten schon sehr bald Probleme mit dem anstehenden Grundwasser auf. Die Bergleute lösten das Wasserproblem, in dem sie Entwässerungsstolln bauten, über welche sowohl das Grundwasser als auch das Aufschlagwasser der Kunsträder abgeleitet wurde. Der bis ins 19. Jahrhundert tiefste und wichtigste Stolln war der "Alte Tiefe Fürstenstolln", welcher bereits im 14. Jahrhundert vorgetrieben wurde und das Wasser ins Muldental, bei Freiberg, ableitete. Die tiefen Stolln hatten im Bergbau drei Aufgaben
  • Aufnahme des Wassers aus den oberen Grubenbauen
  • Aufnahme des durch Wasserhebemaschinen gehobenen Wassers aus den unteren Grubenbauen
  • Energieerzeugung für Förderanlagen und Pumpen
Jedoch ist der Bau tieferer Stolln auch mit hohen Baukosten verbunden.
  Wasserkunst
Wasserkunst G.Agricola "De re metallica"
 
 
Karte Rothschönberger Stolln
Karte des Rothschönberger Stollns
Rothschönberger Stolln
Schematisches Raumbild des Rothschönberger Stollns, verändert nach (1)
Ende des 18. Jahrhunderts / Anfang des 19. Jahrhunderts kam es im Freiberger Revier zu einer neuen Blüte des Bergbaus. Die Gründung der Bergakademie Freiberg im Jahre 1765 gab dem Berg- und Hüttenwesen neue Impulse. Neuentwickelte Technik und eine verstärkte Anwendung der Montanwissenschaften, trugen dazu bei tiefere Lagerstätten zu erkunden und abzubauen. Jedoch reichten die vorhandenen Entwässerungssysteme (z.B. der "Alte Tiefe Fürstenstolln" oder der "Anna-Stolln") zur Bewältigung der Grubenwässer nicht mehr aus. Außerdem war die Energieerzeugung mittels der Wasserkunst an ihre Grenzen gestoßen, bedingt durch die begrenzte Fallhöhe zwischen den Kunstgräben und den tiefsten Stolln. Im Steinkohlenbergbau wurden bereits Dampfmaschinen eingesetzt. Der damalige Oberberghauptmann, Freiherr von Herder, ließ 1829 die Kosten für Wasserkraft und Dampfkraft, bezogen auf das Freiberger Revier, berechnen. Dabei wurde festgestellt, dass es für die Freiberger Verhältnisse wesentlich ökonomischer war, die Wasserkraft als Energiequelle einzusetzen, da der Transport der Kohle zu hohe Kosten verursachte.
Im Jahre 1824 wurden 6000 Taler von den Ständen für die Projektierung eines Stollns bewilligt, welcher die Grundwasserfrage lösen sollte. Unter anderem wurde die Weiterführung des 1817 bei Dresden-Cotta für das Kohlerevier im Plauenschen Grund angesetzte Zauckeroder Elbstolls bis ins Freiberger Revier diskutiert. Dieser Vorschlag scheiterte an der ungenügenden Höhenlage.
1838 veröffentlichte der Oberberghauptmann Freiherr von Herder sein Projekt "Tiefer Meißner Erbstolln" zusammen mit zwei Gutachten von Goethe und Alexander von Humboldt, welche das Projekt befürworteten. In diesem Projekt wurden verschiedene Vorschläge zum Bau eines tiefen Stolln bis ins Muldental bei Gersdorf (östlich von Roßwein), ins Elbtal bei Meissen und in das Triebischtal bei Rothschönberg dargestellt. Karl Gustav Adalbert von Weissenbach (1797-1848) konkretisierte das Projekt zum Bau des Rothschönberger Stollns. 1844 wird auf Beschluß des Landtages mit dem Bau des Rothschönberger Stollns begonnen. Aus finanziellen Gründen wurde er nicht ganz so tief und lang gebaut, wie Freiherr von Herder es geplant hatte. Der fiskalische Teil (aus staatlichen Mitteln bezahlt) betrug 13,9 km. Die Kosten für die Stolln durch die Grubenfelder innerhalb des Reviers mußten die Gruben selbst übernehmen. Am 21. März 1877 erfolgte der Durchschlag zwischen den beiden Teilen des Rothschönberger Stollns. Damit konnten, nach 33 Jahren Bauzeit, die meisten Freiberger Gruben an den Rothschönberger Stolln angeschlossen werden und ihre Grubenwässer ableiten.

 
 
Der Bau wurde am Mundloch in Rothschönberg begonnen. Auf der Strecke zwischen Rothschönberg und Halsbrücke wurden zuerst sieben Lichtlöcher (Hilfsschächte) abgeteuft. Das 8. Lichtloch wurde erst später projektiert (1865), um das Wasser aus alten Stolln des Halsbrücker Bergbaus zu beherrschen. Ausgehend von diesen Lichtlöchern wurde der Stolln jeweils in beiden Richtungen vorangetrieben - "Gegenortbetrieb". Das alle diese Einzelstrecken ohne Probleme aufeinandertrafen ist eine großartige technische Leistung der damaligen Markscheider (Vermessungsingenieure). Bei den Berechnungen der Markscheider während des Baus des Rothschönberger Stollns kam noch die seit dem 17. Jahrhundert übliche Methode mit Hängekompaß und Gradbogen zum Einsatz, obwohl der Professor für angewandte Mathematik, Bergmaschinenlehre und Markscheidekunst an der Bergakademie Freiberg, Julius Ludwig Weisbach, 1845 den Theodolit, zur Messung von Horizontal- und Vertikalwinkeln in der Markscheidekunst, entwickelt hatte. Professor Weisbach führte trotzdem mit Hilfe seiner Studenten auf eigene Kosten die Vermessungsarbeiten zum Rothschönberger Stolln nach der Visiermarkscheidekunst mit den Theodoliten und Nivelliergerät durch und bewies damit die Effektivität dieser neuen Meßmethode. Die Ergebnisse veröffentlichte Weisbach in "Die neue Markscheidekunst" - zwei Bände und trug damit wesentlich zur Verbreitung der neuen Technik bei.   Darstellung der Markscheidekunst
Markscheidekunst G.Agricola "De re metallica"
 
Der Hauptstolln verläuft in einer Länge von 13,9 km und einer Tiefe von bis zu 100 m zwischen Halsbrücke und Rothschönberg. Beim Vortrieb vom Stollnmundloch zum 1. Lichtloch wurde eine 35m mächtige Spalte mit nassem Sand und Schlamm aufgefahren. Erst ein 40 m langes und 50cm starkes Sandsteingewölbe verhinderte ein Nachrutschen des Sandes. Zu Beginn der Arbeiten wurde am 1. Lichtloch ein Wasserrad als Pumpenantrieb genutzt. 1857 erfolgte der Einbau einer 80 PS-Dampfmaschine für die Wasserhaltung und Förderung der Gesteine.
Am 4. Lichtloch wurde in Reinsberg der Sitz der Verwaltung eingerichtet. Das Huthaus, die Bergschmiede, der Zimmerschuppen und die Schachtanlage sind noch heute zu sehen. Die Schachtanlage am 4. Lichtloch besteht aus dem Schachthaus mit Wächtertürmchen für die Kunstglocke des für den Stollnbau erforderlichen Kunstgezeuges, und einer über dem Kehrrad errichteten Kaue. Die Radstube für Kunst- und Kehrrad wurde verfüllt, im Schachthaus ist ein noch funktionstüchtiger Handhaspel vorhanden. Das Aufschlagwasser für das 4. Lichtloch wurde aus der Bobritzsch über einen Kunstgraben von Krummenhennersdorf nach Reinsberg geleitet. Das 3,6 km lange System, bestehend aus Kunstgräben und Röschen wurde 1844-1846 erbaut und ist heute, bekannt als Grabentour, einer der schönsten Wanderwege in Sachsen.
 
Huthaus
Huthaus am 4.Lichtloch
Treibehaus
Schachtanlage am 4.Lichtloch
 
Tafel zum 5. Lichtloch
Tafel am 5. Lichtloch
  Dieser Kunstgraben lieferte auch für das 5. Lichtloch das Aufschlagwasser. Auf der Halde des 5. Lichtloches hat die Gemeinde Reinsberg eine Schutzhütte und einen Kinderspielplatz eingerichtet.
Von den Schachtanlagen sind leider nur noch die Fundamente des Schachthauses erhalten.
Oberkunstmeister F.W.Schwamkrug (1808-1880) baute hier eine Schwamkrug-Turbine zwischen Kunstgraben und Bobritzsch ein, mit welcher das Kunstgezeug beim Bau des Stollns betrieben wurde.
1873 erfolgte der Durchschlag der Stollnörter zwischen dem 5. und 6. Lichtloch. 1847 wurde eine 18 PS-Dampfmaschine zum Betreiben der Wasserpumpen eingesetzt. Jedoch mußte 1851 die Arbeit unterbrochen werden, da zuviel Wasser eindrang und die Leistung dieser Dampfmaschine nicht mehr ausreichte. Erst der Einbau einer 120 PS-Dampfmaschine am 6. Lichtloch konnte die zufließenden Wassermassen beherrschen. Heute ist am 6. Lichtloch bei Krummenhennersdorf noch die Halde und Fundamentgewölbe erhalten.
 
Das 7. Lichtloch befindet sich zwischen Halsbrücke und Rothenfurth. Auffällig ist hier, der Bau des Schachthauses mit Wächtertürmchen erfolgte analog dem Schachthaus am 4. Lichtloch. Auch die Radstube entsprach der Radstube am 4. Lichtloch, davon sind jedoch nur noch Reste erhalten.
1865 wurde das Projekt des Rothschönberger Stollns dahingehend geändert, dass ein 8. Lichtloch abgeteuft wurde, um die zu erwartenden Wassermassen aus dem Halsbrücker Bergbaurevier besser ableiten zu können. Beim Stollnvortrieb am 8. Lichtloch traf man auf stark wasserführende Klüfte. Diese Wassereinbrüche führten dazu, dass in der Gemeinde Halsbrücke die Brunnen versiegten. Um den Menschen im Ort wieder Wasser bereit zu stellen, wurde 1878 im 8. Lichtloch eine Wassersäulenmaschine in Betrieb genommen. Mit Hilfe des Aufschlagwassers aus der Freiberger Mulde wurden so 1 l Trinkwasser pro Sekunde aus dem Stolln 173 m hoch gehoben. Auf diese Weise wurde Halsbrücke bis 1934 mit Trinkwasser versorgt. Heute kann diese Wassersäulenmaschine, sowie ein eiserner Handhaspel vom 8. Lichtloch, im Maschinenhaus der Grube "Alte Elisabeth" besichtigt werden.
Nachdem 1875 der Durchschlag zwischen dem 7. Lichtloch und der Grube "Beihilfe" erfolgte, trafen 1876 die Stollnvortriebe vom 7. und vom 8. Lichtloch aufeinander. Ab 1876 erfolgte der Einsatz von Druckluftbohrmaschinen und Dynamit als Sprengmittel, damit wurden die Arbeiten wesentlich beschleunigt.
 
Schachthaus
am 4.Lichtloch

 am 7.Lichtloch
Kaue am 8.Lichtloch
 
 
Während des Baus des Rothschönberger Stollns gab es eine weitere Projektänderung. Entgegen der ursprünglichen Projektierung des Mundlochs (M) in der Nähe von Rothschönberg, wurde das Mundloch (M') etwa 1 km unterhalb des Dorfes verlegt.
Es wurde befürchtet, dass die Wasserversorgung von Rothschönberg Schaden nehmen könnte und verlegte den Stollnansatz talaufwärts. Der projektierte Wasserspiegel des Stollns lag nun jedoch unterhalb der Triebisch. Durch das Anlegen einer Rösche unter der Triebisch und durch einen weiteren Bergrücken kann das Wasser jetzt an einem anderen Mundloch (M') in die Triebisch abfließen.
  Mundloch des Rothschönberger Stollns
Mundlöcher am Rothschönberger Stolln
 
Stollnmundloch mit der Inschrift "Königlicher Rothschönberger Stolln; angefangen 1844, Vollendet 1877"   Im März 1877 erfolgte unter Halsbrücke der Durchschlag zwischen dem fiskalischen (staatlich finanzierten) Teil des Rothschönberger Stollns und dem Teil, den die Gruben in ihren eigenen Grubenfeldern vorgetrieben hatten.
Nach 33 Jahren Bauzeit war am 4. April 1877 eine der größten technischen Leistungen im Freiberger Bergbau vollbracht. Die Grubenwässer aus dem Freiberger Revier konnten auf niedrigem Niveau abfließen. Der Rothschönberger Stolln führt somit das Wasser, welches der Flöha in 585 m über NN bei Neuwernsdorf entzogen wurde, bei Rothschönberg (191,5 m über NN) wieder in den natürlichen Wasserkreislauf zurück. Im Unterschied zum natürlichen Verlauf, von der Flöha, über die Zschopau, Freiberger Mulde und Mulde in die Elbe, wird das durch den Bergbau geleitete Wasser über die Triebisch schon in der Nähe von Meißen wieder der Elbe zugeführt.
Die Gesamtlänge des Rothschönberger Stollns beträgt 50,9 km. Bis in die heutige Zeit werden die Grubenwässer des Freiberger Reviers über das Stollnsystem des Rothschönberger Stollns transportiert.
 
 
Nach der Stilllegung des Bergbaus 1913 wurde in den Constantinschacht und in den Dreibrüderschacht über den Rothschönberger Stolln ein Kavernenkraftwerk eingebaut, welches von 1914 bis 1972 (mit Unterbrechungen) "sauberen" Strom lieferte. Die Turbinen wurden durch Wasserkraft aus einem Kunstteich und Kunstgräben angetrieben. Anschließend wurde das Wasser wieder über den Rothschönberger Stolln abgeleitet.
Auch in der letzten Periode des aktiven Bergbaus im Freiberger Revier von 1937 bis 1969 diente der Rothschönberger Stolln der Ableitung der Grubenwässer. Heute kann die TU Bergakademie Freiberg, Dank der Entwässerung durch den Rothschönberger Stolln, die Lehrgrube Alte Elisabeth - Reiche Zeche bis zu einer Teufe von 230 m betreiben.
 
 
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letzte Änderung: 07/2011
Redaktion: B.Bicher
Gestaltung: B.Bicher